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Dienstag, 8. Januar 2019

Damenqual


Abends, wenn das Kind schläft, dann googelt man ja schon das eine oder andere oder bleibt bei Fernsehsendungen hängen, die man sonst nicht geguckt hat und in letzter Zeit – es liegt in der Natur der Sache – blieb ich häufig beim Thema Alleinerziehende hängen. Und, früher oder später wird dann immer die Frage gestellt, was sich verbessern muss, damit es für Alleinerziehende besser wird. Ich finde ja, dass die Frage schon mal doof ist, weil es auch für traditionelle Familien nicht super ist und läuft. Aber gut, steht auf einem anderen Blatt.
Jedenfalls ist mir aufgefallen, als ultimative Lösung für alle Probleme, wird immer der Ruf nach dem Ausbau der Kinderbetreuung laut. Sie muss flexibler werden und ist überhaupt die Antwort auf eine jede Herausforderung im Leben mit Kind oder Kindern.
Theoretisch ist das ja toll, praktisch würde es mein Leben als Mutter nicht verbessern, weil das nicht den Vorstellungen entspricht, die ich vom Muttersein habe. Das sind theoretische Lösungen, die so gar nicht zu meinem praktischen emotionalen Erleben passen.
Ich will mein Kind gar nicht krank in der Kita abgeben, obwohl ich neulich von einer Einrichtung gehört habe, die sogar Kinderkrankenpflege anbietet. Ich will mein Kind auch nicht noch früher hinbringen oder später abholen, nicht da übernachten lassen und was weiß ich. Bei mir ist es eher ein Mangel an Dorf, Familie, an Netzwerk; ich hadere mit dem Opfer, dass wir für die Industrialisierung gebracht haben: Ich will nicht immer noch mehr Fremdbetreuung – im Gegenteil, ich würde gern mehr Zeit mit meinem Kind verbringen. Als Mensch fehlt mir einfach das Menschliche. Und das ging mir auch schon so, als ich – zumindest theoretisch – noch nicht alleinerziehend war.
Die Lösungen sind alle politisch und auf das gesamtgesellschaftliche Funktionieren ausgelegt. Da ist kein Platz für Emotionen, Spiritualität, Liebhaben, Familie; da geht es um Fachkräftemangel und wie Frauen genauso Karriere machen können wie Männer.
Familie oder Karriere? Wieso entweder oder, wenn doch beides geht. Will man uns vermitteln. Vielleicht geht sogar beides, aber man zahlt einen Preis dafür.
Und, heute als Alleinerziehende geht’s mir nicht anders, als damals in einer Beziehung lebend. Ich muss Miete zahlen, das Kind ankleiden, Kitagebühren aufbringen, ernähren und was eben so bezahlt werden muss. Der Monat ist lang, das Geld bleibt kurz. Und da ist das Problem. Ich muss arbeiten. Und, wenn ich ehrlich bin, will ich es gerade nicht. Doch das darf man irgendwie nicht sagen. Das kommt in den Diskussionen überhaupt nicht vor. Ich bin ja selber irritiert.
Das Kind ist nur einmal so alt wie es jetzt ist, das Leben ist jetzt und nicht später.
Das Kuriose ist, ich war mal eine totale Verfechterin von Es-geht-alles-und-ist-überhaupt-kein-Problem. Ich komme aus der DDR. Da ging das immer und war so. Dann bin ich ausgebildete Erzieherin und von daher sowieso total überzeugt, dass Kindergärten super sind.
Und, dann wurde ich selbst Mutter und irgendwie will das durchstrukturierte Wegplanen des Kindes um selbst zu arbeiten überhaupt nicht in mein (Gefühls-)Leben passen.
Und, je strapazierter ich gerade vom Job bin, je höher sich der Abwasch stapelt (so wie die Rechnungen), je lauter meine Realität wird und je müder ich werde, desto größer wird der Wunsch, mein Kind einzupacken und mir eine Hütte im Wald zu bauen. Fernab von all dem Scheiß, von einer Kita, die ich nicht will und die mein Kind besucht, damit ich einen Job machen kann, den ich schon lange nicht mehr toll finde, in einer Stadt, in der ich so einsam bin, dass ich von Zeit zu Zeit das Gefühl habe, unterzugehen. Es kommt mir alles total unnatürlich vor. Sinnlos. Falsch.
Und, obwohl ich mich dafür total verabscheue, weil es mir im Grundsatz widerstrebt, kommt mir in solchen Momenten die traditionelle Aufteilung (Frau verantwortlich für Haushalt und Kinder und Mann der Ernährer) total attraktiv vor. Dabei weiß ich genau, dass ich auch dann durchdrehen würde, weil ich immer gern gearbeitet habe und mein eigenes Geld zu schätzen weiß. Das Problem ist ohnehin, dass ich mich nicht unterordnen kann und will. Letztendlich wäre es, dauerhaft gelebt, eine Verschwendung von Potenzial. Ich hasse Verschwendung. Aber eine Weile könnte ich es aushalten. Denn ein Kind großzuziehen, ist schon ein Job. Und, alles zu schaffen, allein, ohne Hilfe, ist eine Illusion, genauso wie die Idee, dass der Ausbau der Kinderbetreuung an der Problematik etwas ändern würde. Es bleiben zwei Jobs. Kind und Erwerbsarbeit. Und, ich finde es auch unehrlich immer zu fordern, denn das ist oft der zweite Lösungsvorschlag, dass Arbeitgeber einfach flexibler sein müssen und andere Arbeitsmodelle anbieten sollen. Das nützt mir persönlich auch überhaupt nichts. Wie viele andere Frauen arbeite ich im sozialen Bereich und der beinhaltet den Umgang mit echten Menschen, die ich nicht flexibler betreuen, pflegen oder im Home-Office versorgen kann.
Wahrscheinlich entspringt die Faszination der Versorgerehe einer Verzweiflung, meiner Verzweiflung. (Und verzweifelt wäre ich ja dann auch, wenn der Versorger verschwindet und ich dann dumm und unversorgt dastehe.)
Aber, wenn der eckige Pflock nicht ins runde Loch passt, wenn Verstand und Herz kämpfen, wenn das ganze Leben nur ein scheiß Kompromiss ist, wenn man das Gefühl hat, dass man gar nicht sein Leben lebt… Ja, dann bekomme ich immer so tolle Ideen.
Einfach, weil nicht annähernd eine realistische Lösung am Horizont zu erblicken ist. Ich kenn das schon aus anderen Bereichen. Wenn mein Job phasenweise so anstrengend ist und ich z.B. an einer Schafherde vorbeifahre, dann kommt es mir mega attraktiv vor, Schäferin zu werden.
Wenn ich Hunger habe, hatte ich schon öfter die Idee DAS Café, Bistro oder Restaurant zu eröffnen…
Ja, liebe Leute, ihr habt es erfasst. Mir ist gar nicht zu helfen. Denn, wenn mir alles zu viel wird, bin ich auch die Prinzessin, die darauf hofft, dass bald der Prinz auf seinem scheiß Gaul vorbeikommt. Zumindest heute. Mal ganz kurz.

Dienstag, 10. Mai 2016

Die bedauerliche Abwesenheit des Dorfes




Dieser Abschnitt ist aus einem Artikel, den ich in der Mai-Ausgabe der Perle gefunden habe, dem Kundenmagazin, das man bei Budni gratis bekommt. Ich will fast sagen umsonst!!! Und, was soll ich sagen??? Ich könnte kotzen.
Mir gehen diese Frauen, die ein Leben führen, das mit dem Leben einer Durchschnitts- oder Unterdurchschnittsfrau überhaupt nicht vergleichbar ist, auf den Sack. Ich könnte da ausrasten, wenn die dann noch überall anpreisen, wie toll alles vereinbar ist, der Spagat zwischen Beruf und Mutterschaft ein Klacks und Ganztagsbetreuung die Lösung aller Probleme sämtlicher Familien. Familien, die es schaffen in Hamburg von nur einem Gehalt überleben zu können, haben mit meiner Familie nichts zu tun.
Ich komme mir total verarscht vor. Das ist, als würde Jemand ein Problem dadurch lösen, indem er einfach sagt, dass es gar nicht existiert.
Aber hunderttausende Frauen haben dieses Problem in Deutschland. Jede Frau, die ich kenne, hat dieses Problem.
Die meisten haben studiert und gute Jobs (gehabt). Ich selbst habe einen Einser-Studienabschluss und ohne Kind früher jeden Job bekommen, den ich wollte. Heute will mich niemand mehr.
Auch politisch fühle ich mich verarscht. Die ganzen Elterngeld- und Elternzeit-Diskussionen... Das ist ja alles schön und gut, aber die Probleme beginnen doch erst, wenn die Elternzeit und das Elterngeld vorbei sind und man wirklich wieder in den Beruf zurückkehren möchte. Teilzeitmodelle sucht man im wahren Leben vergebens und wenn sich ein Chef dazu herablässt, sieht Teilzeit so aus, dass die Frau Vollzeitarbeit in Teilzeit schaffen soll.
Mein Leben würde sich auch in keiner Weise durch flexiblere, längere Betreuungszeiten in der Krippe und noch mehr Krippenplätze verbessern. Es ist in Hamburg überhaupt kein Problem das Kind von morgens bis abends irgendwo unterzubringen, wenn es sein muss sogar nachts.
Im richtigen Leben beginnen die Probleme, wenn das Kind krank wird. Und das wird es.
Irgendwie hat dann plötzlich jede Frau einen Mann an der Seite, dessen Job immer wichtiger ist, als der der Frau. Beim Kinderarzt: Oft nur Frauen mit den Kindern. Krankschreibung: Frau bleibt zu Haus. Frau ohne Gehalt und die Krankenkasse braucht Monate um das Kinderpflegekrankengeld auszuzahlen. Und zehn Tage im Jahr sind schnell vorbei und dann gibt's gar nichts mehr. Zwischendurch ereilt einen dann die Pest, die die Rotznasen in der Krippe deinem Kind angehängt haben, selbst. Und irgendwann hat man von drei Monaten maximal drei Wochen gearbeitet und wird von allen Kollegen gehasst, traut sich kaum die nächste Krankmeldung abzugeben und wünscht sich ganz dringend eine einsatzbereite Oma, die mal einspringen kann.
Um ein Kind aufzuziehen, braucht man ein ganzes Dorf, besagt ein afrikanisches Sprichwort. Dumm nur, wenn man in der Stadt irgendwie allein da steht, wenn es nicht nach Plan läuft. Und Kinder laufen nicht nach Plan.
Mittlerweile denke ich, dass es unmöglich ist, ein Kind aufzuziehen und einer - nennen wir es mal... normalen - Erwerbsarbeit nachzugehen. Es sei denn, man gebar einen Roboter, der einfach funktioniert und nie krank ist und grundsätzlich keinerlei eigene Bedürfnisse hat.
Vielleicht verzweifele ich auch gerade an dem Versuch mein/unser Leben in ein Schema zu pressen, in das wir (oder naturgemäß niemand) einfach nicht passen.
Irgendwie bleibt die bittere Erkenntnis, dass Emanzipation nichts weiter bedeutet, als das die Frau alles machen darf, es aber ihr Problem ist, wie sie es schafft. Frauentag, Muttertag - alles nette Ansätze, aber was nützt es mir im praktischen Leben oder hilft mir als Frau, wenn ich eine Schachtel Pralinen bekomme und sich ansonsten gar nichts tut, solange ich nicht selber was tue, aber durch gewisse Umstände manchmal einfach gar nichts tun kann, obwohl ich will und sollte?!