Donnerstag, 1. Dezember 2016

Der moderne Mensch



Der moderne Mensch ist ein Versager. Er*Sie*Es kann aus eigener Kraft nicht mehr überleben, weil er überhaupt keine Kraft hat oder diese für wahnsinnig bescheuerte, entbehrliche, aber gesellschaftlich angesehene Aktivitäten verprasst.  Das stetige Bemühen alles outzusourcen und sich weiterzuentwickeln, hat den Erfolg, dass von uns kaum noch jemand ohne Strom überlebensfähig ist - ja, eigentlich grundsätzlich überhaupt GAR NICHTS MEHR kann. Nahrungsbeschaffung heißt einkaufen gehen. Was machen wir, wenn es einmal nichts zu kaufen gibt? Tierzucht, Schlachtung, Verarbeitung, Haltbarmachen... Was weiß ich??? Der ein oder die andere hat vielleicht ein paar Erdbeeren auf dem Balkon oder Kartoffeln im Kübel - einfach, weil es schick aussieht und gerade wahnsinnig angesagt ist. Selbstversorgung? Eher nicht.
Und selbst, wenn dann etwas zum Essen da ist. Wer kann das zubereiten?? Mein Nachbar fällt gleich nach dem Aufwachen quasi direkt aus seinem Bett in die Kaffee-Ketten-Filiale um die Ecke. Nicht mal Kaffee kochen kann (oder will??) er. Ein Kollege erzählte neulich, dass bei ihm in der Straße Wohnungen gebaut werden, die nicht mal mehr eine Küche haben, weil der Bedarf gar nicht mehr gegeben sei.
Na ja, wenigstens gibt es noch Menschen, die Wohnungen bauen können. Der Durchschnittsmensch ist aufgeschmissen ohne Dach über dem Kopf. Wer könnte denn noch eigenhändig eine Unterkunft erschaffen? Glücklich ist der, der es schafft noch einen Nagel einigermaßen gerade in die Wand zu hauen, ohne dabei sich und andere zu gefährden.
Ich gebe zu, das mit dem Nagel kriege ich hin, aber ich müsste aller Wahrscheinlichkeit nach nackt herumlaufen, weil ich - wie viele - kaum in der Lage bin - abgesehen von den Nähmuddis - Kleidung herzustellen. Aber bevor man Kleidung herstellen kann, muss man ja erst mal zur Wolle oder zum Stoff kommen - das schaffen nicht mal Nähmuddis.
Und nachdem wir jahrzehntelang daran gearbeitet haben, uns von diesen lästigen Aufgaben zu befreien und uns freigekauft haben für teuer Geld, um letztendlich doch keine Zeit zu haben oder anderweitig abzuschmieren, arbeitet der moderne Mensch nun mit Hochdruck daran die Kommunikation auf eine neue Ebene zu bringen.
Visueller Direktkontakt war gestern. Bloß nicht auffallen, keine direkte Konfrontation. Verbal und persönlich allenfalls Small Talk über Diäten, welche Busstation man gerade ansteuert, was man zum Mittag hatte, aber um Gottes Willen doch keine Kritik äußern. Das geht viel besser per App, Mail oder Kommentar. Und dann aber richtig. Ohne Rücksicht auf Verluste. Streitgespräche sind sowas von gestern. Igitt. Beim Nachbarn klingeln und ihn bitten die Musik leiser zu stellen? Nee, bloß nicht. Allenfalls ein anonymer Zettel im Briefkasten. Die blöde Frau aus dem dritten Stock, die mittlerweile schon drei Kinderkarren in den Flur gestellt hat, von denen alle genervt sind, ansprechen?? Wozu? Stellt man ihr die Dinger doch einfach mal direkt vor ihre Kellertür. Irrtum inbegriffen, denn eigentlich gehören alle Vehikel der lauten Familie aus dem Erdgeschoss und genannte Frau räumt täglich all diese Kinderbeförderungsdinger mindestens zweimal aus dem Weg, um die eigene einzige Kinderkarre in oder aus ihrem Keller zu bekommen. Aber, hey, egal. Kann man doch wieder löschen oder auf bearbeiten und rückgängig. Oder in der Whats-App-Gruppe diskutieren. Wie alles oder eigentlich nichts. Aber dazu kommen wir später... Oder auch nicht.

Dienstag, 11. Oktober 2016

Berufskrankheit



Sich für sein Fahrrad einen Parkschein ziehen und ganz selbstverständlich in das Sichtfenster am Lenkertäschchen stecken... und dann direkt vor dem PK Oberaltenallee abstellen! Auf die Idee muss man erstmal kommen. Ein Statement? Abgefuckt? Cool? Ich weiß es nicht. Hab die Frau auch nicht gefragt, was das soll und bin wahrscheinlich noch mit offenem Mund bei der Arbeit heute Morgen erschienen.  Und das an Tag Eins nach dem Urlaub! Wie soll ich mich denn auf die Arbeit konzentrieren, wenn sowas schon morgens auf dem Weg hier her passiert?? Und da bilde ich mir ein, ich hätte schon alles gesehen. Manchmal dann wohl doch nicht - oder seit heute Morgen schon?!
Meine beste Freundin behauptet ja immer, mit mir könne man nirgends hingehen, denn die Hilfebedürftigen seien schon da und würden auf mich warten.
Gibt es einen Stempel auf der Stirn, den Menschen in sozialen Berufen tragen und der nur sichtbar ist für Menschen, die zur Zielgruppe gehören? Steht da ganz groß ICH HABE FÜR ALLES VERSTÄNDNIS! BITTE SPRECHEN SIE MICH AUCH IN MEINER FREIZEIT AN (oder machen sie was total Sinnfreies, Beklopptes, Außergewöhnliches in meinem Beisein...)!??? Und gilt das dann schon als Berufskrankheit?

Montag, 30. Mai 2016

Geben und Nehmen



Jeder kriegt das, was er verdient! Oder nicht? Ernten, was man sät. Karma. Und so weiter. Manchmal habe ich das Gefühl, diese Lebensweisheiten sind überholt. Wenn ich mir vorstelle, dass der Kosmos der Menschen früher doch recht begrenzt war, sich jemand darin daneben benommen hat, dann war es doch ein Leichtes, dass der Bumerang zurück kommt; allein die soziale Kontrolle des Dorfes, der Familie etc. hat einen bestraft. Heute in der unübersichtlichen Welt, in der es fast vorausgesetzt wird, dass man die Ellenbogen ausfährt und jeder sich selbst der Nächste ist, keiner den anderen kennt, der oder die auch in die Großstadt geflohen ist, da lässt das Karma doch sehr auf sich warten oder kommt einfach gar nicht vorbei.
Wer gibt, bekommt. Hab ich so auch noch nicht beobachtet. Das Einzige, was die Gebenden bekommen haben, die ich kenne, ist ein Burnout. Gut, streng genommen, haben sie vielleicht wirklich das geerntet, was gesät wurde, aber so stellt man sich das ja nicht vor.
Und, wie kann es sein, dass Menschen, die sich stets auf menschlich unterstem Niveau bewegen, immer weiter nach oben fallen? Zum Beispiel, die Kollegin, für die es sich lohnt, mit dem Chef geschlafen zu haben, die aber gleichzeitig das beste Beispiel dafür ist, es bleiben zu lassen. Vorgetäuscht sicheres Auftreten bei totaler Ahnungslosigkeit. Halbchef mit Halbwissen. Hunde, die nicht beißen können, bellen oft ganz laut. Kleine Menschen sind gefährlich. Dumme auch. Und Menschen mit schlechter Kindheit. Kontrolle statt Kompetenz. Gut, sie hat investiert und was bekommen. Das muss man zugegeben.
Vermutlich habe ich diese Lebensweisheiten und Sprichwörter einfach nur falsch verstanden. Gerechtigkeit und das Bemühen ein guter Mensch zu sein, sind da vielleicht überhaupt nicht inklusive. Manchmal brauch ich einfach ein bisschen länger - manchmal auch Jahrzehnte. Und vielleicht habe ich heute Morgen auch noch nicht genug Kaffee getrunken, um diesbezüglich zu einem abschließenden Ergebnis zu kommen. Kommt Zeit, kommt Rat... Wenn das denn wenigstens stimmt.