Mittwoch, 4. Januar 2017

Schade


"Schade, dass es dieses Jahr nicht klappt, dass wir uns zu Weihnachten sehen! Ich hätte so gern das Gesicht gesehen!" Vielleicht wäre das auch ganz sinnvoll gewesen - einfach mal zum Nachdenken.
Ich glaube, ich habe mich an Weihnachten noch nie so unwohl gefühlt, war noch nie so wütend, fand unseren Lebensstil noch nie so pervers. Während in anderen Teilen der Welt Kinder verhungern, flüchten, zerbombt werden, ging mein Kind in einer Flut von Paketen unter. Und das Gesicht hätte ich dem Kind und mir gern erspart. Schon Wochen vorher kamen Pakete aus allen Himmelsrichtungen. Ich wusste, dass Oma und Opa eine Spielküche schenken wollten, doch die Pakete, die aus dieser Richtung kamen, hatten eher das Ausmaß, als würde es sich um eine richtige Küche handeln.
Unsere Eltern sind geschieden, d.h., es gibt Oma und Opa doppelt, ja vierfach. Und so verhält es sich dann auch mit den Geschenken. Meine Versuche der Einflussnahme im Vorfeld stießen weitestgehend auf taube Ohren. So kamen zur Küche (die in der Tat besser ausgestattet ist als meine) singende Plastikkinder, Plüschtiere, Bücher, Klamotten (die viel zu klein sind), ein ganzer Fuhrpark und ja, auch Tonnen von Süßigkeiten, obwohl sich alle oben genannten Personen immer wieder darüber beschweren, wieviel die Kinder heutzutage naschen.
“Ach, Weihnachten mit Kindern ist so schön!“
So schön verzweifelt und überfordert. Mein Kind jedenfalls war völlig verstrahlt und wusste gar nicht, wo es zuerst hingucken soll!
Ich frage mich ernsthaft, zu was Weihnachten verkommen ist. Die vielen Geschenke waren für den Moment schon scheiße und das möchte ich hier in aller Deutlichkeit noch einmal sagen, so wie ich es bereits allen schon am Telefon oder persönlich mitgeteilt habe und nun natürlich die undankbare Tochter, Schwiegertochter, Öko-Terroristin oder sonst was bin, aber mein Kind und ich bzw. wir brauchen nicht noch mehr Plastikscheiße oder andere unsinnige Sachen, bei denen der Eindruck entsteht, dass Großeltern oder andere Schenkende sich eigentlich und ausschließlich selber freuen, weil sie das verschenkte Teil so niedlich finden oder früher selbst gern gehabt hätten.
Und über die Scheißigkeit des Momentes hinaus bleibt dann noch die Frage, wo solch eine Geschenkeorgie hinführt. Wo bleibt die Besinnlichkeit, die Entspannung, die Fähigkeit sich freuen zu können oder das einfache Beisammensein? Ich befürchte, dass Kinder, die noch vor dem zweiten Geburtstag komplett ausgestattet, eingerichtet und materiell überschüttet werden, eine Erwartungshaltung an das Leben entwickeln, die für alle Beteiligten ungünstig ist und vermutlich dazu führt, dass ich zum 10. Geburtstag einen Kredit aufnehmen muss, um die Reise zum Mond zu finanzieren. Und glücklich ist dann keiner von uns.
Was wir wirklich brauchen, ist Hilfe und Unterstützung, sind Omas und Opas Interesse und vor allem Zeit. Wenn Mama krank ist, freut sich neben Mama auch das Kind über anderweitige Bespaßung. Grundsätzlich würden wir uns freuen, wenn es nicht immer nur bei Bekundungen bleiben würde, mal aufpassen zu wollen, sich zu besuchen, etwas gemeinsam zu unternehmen, denn was mich betrifft, so war ich das letzte Mal vor ca. zwei Jahren allein auf dem Klo und bin ob des unmenschlichen Pensums mit Arbeit, Haushalt, Beziehung und anderer Notwendigkeiten und auch aufgrund der bedauerlichen Abwesenheit aller Verwandten und Bekannten oft am Rande meiner Kraft. Als Paar waren wir vor der Geburt das letzte Mal aus. Dass wir infolge all dessen kurz vor dem Ruin unserer Ehe stehen, ist nur logische Konsequenz.
Wenn ihr was für das Kind tun wollt, dann schenkt Zeit. Zeit für das Kind, Zeit für uns.
Alles andere ist einfach nur schade und macht auch nicht das wieder gut, was ihr bei mir bzw. uns in der Kindheit versäumt und versaut habt. Und schade ist auch, dass offenbar keiner etwas dazu gelernt hat.

Donnerstag, 1. Dezember 2016

Der moderne Mensch



Der moderne Mensch ist ein Versager. Er*Sie*Es kann aus eigener Kraft nicht mehr überleben, weil er überhaupt keine Kraft hat oder diese für wahnsinnig bescheuerte, entbehrliche, aber gesellschaftlich angesehene Aktivitäten verprasst.  Das stetige Bemühen alles outzusourcen und sich weiterzuentwickeln, hat den Erfolg, dass von uns kaum noch jemand ohne Strom überlebensfähig ist - ja, eigentlich grundsätzlich überhaupt GAR NICHTS MEHR kann. Nahrungsbeschaffung heißt einkaufen gehen. Was machen wir, wenn es einmal nichts zu kaufen gibt? Tierzucht, Schlachtung, Verarbeitung, Haltbarmachen... Was weiß ich??? Der ein oder die andere hat vielleicht ein paar Erdbeeren auf dem Balkon oder Kartoffeln im Kübel - einfach, weil es schick aussieht und gerade wahnsinnig angesagt ist. Selbstversorgung? Eher nicht.
Und selbst, wenn dann etwas zum Essen da ist. Wer kann das zubereiten?? Mein Nachbar fällt gleich nach dem Aufwachen quasi direkt aus seinem Bett in die Kaffee-Ketten-Filiale um die Ecke. Nicht mal Kaffee kochen kann (oder will??) er. Ein Kollege erzählte neulich, dass bei ihm in der Straße Wohnungen gebaut werden, die nicht mal mehr eine Küche haben, weil der Bedarf gar nicht mehr gegeben sei.
Na ja, wenigstens gibt es noch Menschen, die Wohnungen bauen können. Der Durchschnittsmensch ist aufgeschmissen ohne Dach über dem Kopf. Wer könnte denn noch eigenhändig eine Unterkunft erschaffen? Glücklich ist der, der es schafft noch einen Nagel einigermaßen gerade in die Wand zu hauen, ohne dabei sich und andere zu gefährden.
Ich gebe zu, das mit dem Nagel kriege ich hin, aber ich müsste aller Wahrscheinlichkeit nach nackt herumlaufen, weil ich - wie viele - kaum in der Lage bin - abgesehen von den Nähmuddis - Kleidung herzustellen. Aber bevor man Kleidung herstellen kann, muss man ja erst mal zur Wolle oder zum Stoff kommen - das schaffen nicht mal Nähmuddis.
Und nachdem wir jahrzehntelang daran gearbeitet haben, uns von diesen lästigen Aufgaben zu befreien und uns freigekauft haben für teuer Geld, um letztendlich doch keine Zeit zu haben oder anderweitig abzuschmieren, arbeitet der moderne Mensch nun mit Hochdruck daran die Kommunikation auf eine neue Ebene zu bringen.
Visueller Direktkontakt war gestern. Bloß nicht auffallen, keine direkte Konfrontation. Verbal und persönlich allenfalls Small Talk über Diäten, welche Busstation man gerade ansteuert, was man zum Mittag hatte, aber um Gottes Willen doch keine Kritik äußern. Das geht viel besser per App, Mail oder Kommentar. Und dann aber richtig. Ohne Rücksicht auf Verluste. Streitgespräche sind sowas von gestern. Igitt. Beim Nachbarn klingeln und ihn bitten die Musik leiser zu stellen? Nee, bloß nicht. Allenfalls ein anonymer Zettel im Briefkasten. Die blöde Frau aus dem dritten Stock, die mittlerweile schon drei Kinderkarren in den Flur gestellt hat, von denen alle genervt sind, ansprechen?? Wozu? Stellt man ihr die Dinger doch einfach mal direkt vor ihre Kellertür. Irrtum inbegriffen, denn eigentlich gehören alle Vehikel der lauten Familie aus dem Erdgeschoss und genannte Frau räumt täglich all diese Kinderbeförderungsdinger mindestens zweimal aus dem Weg, um die eigene einzige Kinderkarre in oder aus ihrem Keller zu bekommen. Aber, hey, egal. Kann man doch wieder löschen oder auf bearbeiten und rückgängig. Oder in der Whats-App-Gruppe diskutieren. Wie alles oder eigentlich nichts. Aber dazu kommen wir später... Oder auch nicht.

Dienstag, 11. Oktober 2016

Berufskrankheit



Sich für sein Fahrrad einen Parkschein ziehen und ganz selbstverständlich in das Sichtfenster am Lenkertäschchen stecken... und dann direkt vor dem PK Oberaltenallee abstellen! Auf die Idee muss man erstmal kommen. Ein Statement? Abgefuckt? Cool? Ich weiß es nicht. Hab die Frau auch nicht gefragt, was das soll und bin wahrscheinlich noch mit offenem Mund bei der Arbeit heute Morgen erschienen.  Und das an Tag Eins nach dem Urlaub! Wie soll ich mich denn auf die Arbeit konzentrieren, wenn sowas schon morgens auf dem Weg hier her passiert?? Und da bilde ich mir ein, ich hätte schon alles gesehen. Manchmal dann wohl doch nicht - oder seit heute Morgen schon?!
Meine beste Freundin behauptet ja immer, mit mir könne man nirgends hingehen, denn die Hilfebedürftigen seien schon da und würden auf mich warten.
Gibt es einen Stempel auf der Stirn, den Menschen in sozialen Berufen tragen und der nur sichtbar ist für Menschen, die zur Zielgruppe gehören? Steht da ganz groß ICH HABE FÜR ALLES VERSTÄNDNIS! BITTE SPRECHEN SIE MICH AUCH IN MEINER FREIZEIT AN (oder machen sie was total Sinnfreies, Beklopptes, Außergewöhnliches in meinem Beisein...)!??? Und gilt das dann schon als Berufskrankheit?